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Vom Baikalsee in den „Wilden Westen“
Der See und Aufbruch ins Sayangebirge
Einleitung
Das russisch-mongolische Grenzgebiet durfte ich auf der mongolischen Seite der Berge im Jahr 2007 erkunden (siehe hier).
Aufgrund der Unzugänglichkeit und Größe übt das kaum besiedelte, anschließende Wildnisgebiet auf der russischen Seite eine besondere Faszination aus.
Grund genug für Harald Edinger, begeisterten Bootfahrer und Fliegenfischer, und mich, Ende August 2009 vom bekannten Baikalsee Richtung Westen aufzubrechen. Die geografischen Bezeichnungen für dieses südliche Eck Sibiriens – Buryatien, Tuwa und Sayangebirge – sind weniger geläufig, sodass dem Leser die beigefügte Karte die Orientierung erleichtern wird.
Unsere Anreise erfolgt von Moskau über Irkutsk, der Stadt an der Angara, die einst als „Paris Sibiriens“ tituliert wurde. Hier den nahen Baikalsee einfach links liegen zu lassen, wäre ein Frevel, so war von vornherein klar, zuerst dieses einzigartige Gewässer zu besuchen und erst im Anschluss die eigentliche Tour im Sayangebirge zu starten.
Am Südwestufer des Baikal
Wollte man den Baikal in wenigen Absätzen abhandeln, so wäre man von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Superlative wie „tiefster, volumenreichster oder ältester See der Erde“ können seine magische Ausstrahlung nicht gebührend wiedergeben. Das Gewässer wird in Russland meist nicht als See, sondern einfach als Baikal, in den Sprachen der Ureinwohner gar als „Meer“ bezeichnet. Es spielt in der Schamanistischen Religion der an den Ufern lebenden Buryaten und in der Mythologie des ganzen Zentralasiatischen Raums eine wichtige Rolle. Ich beschränke mich hier auf eine knappe Zusammenfassung unserer persönlichen Eindrücke des kurzen Aufenthaltes am Südwestufer.
Davor noch kurz zu einigen Kennwerten des Baikal. Bei einer Länge von 636 km beläuft sich die Fläche auf 31.000 km2, die 58 mal der Fläche des Bodensees entspricht. Die Großen Seen in Amerika oder die Afrikanischen Grabenbruchseen übertreffen den Baikal damit an Fläche, dennoch stellt er bei einer Maximaltiefe von 1642 m und einer mittleren Tiefe von 744 m in Bezug auf das Volumen alle anderen bei weitem in den Schatten: Er enthält nicht weniger als 20 % der weltweiten flüssigen Süßwasserreserven. Beeindruckend auch die Rechnung, dass alle Ströme dieser Erde ein Jahr benötigen würden, um sein Becken aufzufüllen. Er hat massiven Einleitungen zum Trotz nach wie vor Trinkwasserqualität – langfristig allerdings gefährdet durch die lange Austauschzeit des Baikalwassers von etwa 330 Jahren.
Der Baikal ist am Bruch tektonischer Platten entstanden, unter dem Grund liegen bis zu sieben Kilometer (!) dicke Sedimentschichten, die sich in den etwa 25 Millionen Jahren seines Bestehens abgelagert haben. In biologischer Hinsicht könnte man diesen uralten See mit einem riesigen Freilandlabor vergleichen. Die Fauna hatte lang Zeit, sich an die vorherrschenden Bedingungen anzupassen, sodass heute zwei Drittel der Tierarten so genannte Endemiten sind, weltweit also nur hier vorkommen. Zu erwähnen ist insbesondere die bekannte Baikal-Robbe (Phoca sibirica), die einzige ausschließlich im Süßwasser lebende Robbenart der Erde. Von den insgesamt ca. 56 Fischarten stellen den Hauptteil 30 Koppenarten, die ebenfalls weltweit nur hier vorkommen.
Der einzige Ausfluss, die Angara, wurde in den fünfziger Jahren bei Irkutsk gestaut. Der Wasserspiegel des gesamten Sees dürfte dadurch um mehr als einen Meter angehoben worden sein (die Angaben darüber sind aber widersprüchlich). Wir fahren auf einem regelmäßig verkehrenden Tragflügelboot von Irkutsk über die Angara bis zum idyllischen Fischerdorf Bolschie Koty, das im Sommer nur über den Wasserweg erreichbar ist. Hier liegt auch eine Biologische Station der Universität Irkutsk, wodurch im Sommer viele Studenten und Biologen in dem kleinen Dorf leben.

- Tragflügelboot auf dem Baikal

- Erfolgloses Fischen an Baikal
Wir quartieren uns drei Tage in einem gemütlichen Holzhaus ein, nicht nur um den Jetlag auszuschlafen, sondern auch um zu versuchen, ob wir der interessanten Baikalfauna mittels Fliegenfischerei ein paar ihrer Geheimnisse entlocken können. Wunderschöne Kiesstrände und steil abbrechende Felsküste wechseln einander ab. Je nach Wettergeschehen lassen sich am gegenüber liegenden Ufer schemenhaft hohe Berge erkennen.
Fischend am Ufer eines derart großen Gewässers zu stehen erfordert einen starken Glauben an das Funktionieren der Methode. Zumindest die Hoffnung wäre bei uns vorhanden, Erfolg stellt sich jedoch trotzdem kaum ein. Fischereilich deutlich ertragreicher soll das Ostufer sein, wo die einmündende Selenga Nährstoffe in den nährstoffarmen See trägt. Bei mir verhängt sich lediglich eine kleine Sandkoppe am Köder, und Harald fängt eine Baikal-Äsche.

- Wassily beim Netzauslösen

- Gelbflossige Baikalgroppen
Angesichts des schlechten Angelerfolgs sind wir sehr froh, als uns Wassily, ein in Bolschie Koty „übersommernder“ Chemie-Professor der Universität Irkutsk, beim Auslösen seiner Netze zusehen lässt und uns mit vielen Hintergrundinformationen versorgt. Die Hauptbeute bildet neben der erwähnten Baikal-Äsche der Baikal-Omul, eine Renkenart. In den Maschen hänge auch viele Gelbflossige Baikalgroppen, die mit ihren riesengroßen, knallig gelb gefärbten Brustflossen auffallen. Leider fehlen in den seicht gestellten Netzen die im Freiwasser bis in große Tiefen häufigsten Fische, die eigenartigen Fettfische (Golomyanka). In den etwas feinmaschigeren Netzen hängen zahlreiche karpfenartige Fische, die auch von zu Hause bekannt sind. Es handelt sich um Rotaugen, Nerflinge und Baikal-Hasel Diese „Weißfische“ hängt Wassily zum Trocknen in ein mit Gaze überspanntes Gerüst. Wir nehmen frischen Omul, Äschen und Rotaugen für eine kulinarische Vergleichswertung mit, die ein vielleicht etwas überraschende Ergebnis bringt: Das Rotauge bietet geschmacklich eindeutig den höchsten Genuss. „Weißfische“ werden zu Hause sicher mit Unrecht zu wenig als Speisefische geschätzt.
Die Zeit vergeht viel zu schnell, doch als nach zwei Nächten am Baikal unser Biorhythmus auf die Zeitzone 7 Stunden östlich der MEZ eingestellt ist, überwiegt der Tatendrang den Schmerz des Abschieds vom „heiligen Meer Sibiriens“.

- Rückfahrt nach Irkutsk
Auf ins Gebirge
Zurück in Irkutsk treffen wir den Pensionisten Aleksej, der uns weiter bis ins Sayangebirge begleiten wird. Er gehört dem buryatischen Volksstamm an, der eng mit den Mongolen verwandten Bevölkerung der Gegend um den Baikal. Zuerst legen wir 400 km Straße von Irkutsk über Sljudjanka am Südende des Sees, das Tunka-Tal mit breiten Wiesen und Dörfern typischer burjatischer Holzhäuser bis an den Rand des Gebirges zurück, wo schneebedeckte 3000er und das rauschende, glasklare Wasser des Irkut-Flusses alpines Flair verbreiten. Direkt vor der mongolischen Grenze folgen wir einer nach West abzweigenden Schotterpiste und über unbesiedelte Hochtäler und Pässe überqueren wir die Wasserscheide zum Oka-Fluss, bis wir im letzen Ort im Gebirge ankommen – Orlik. Gastfreundlich, wie die Buryaten sind, werden wir hier von Aleksejs Familie mit einem Willkommens-Ritus empfangen, bei dem eine Schale Milch getrunken und ein (unpolitisch) blauer Schal überreicht wird.
In der Nacht werden wir mehrmals von Lärm im Hof geweckt. Am Morgen folgt die nächste Aufregung: Aleksej sorgt sich, ob unsere draußen verstauten Vorräte noch vollständig sind. Wir überprüfen das und finden alles vor, nur ein Laib Brot ist abhanden gekommen. Scharfsinnig schließt der Buryate erleichtert, beim nächtlichen Störenfried müsse es sich um einen Hund und keinen Zweibeiner gehandelt haben, weil der Wodka noch da ist, das Brot aber fehlt.
Hinter dem Holzhaus können wir bereits das monströse Gefährt bewundern, mit dem die Reise am nächsten Tag weiter geht: Es handelt sich um einen alten, dreiachsigen LKW mit groben, gut einen Meter hohen Stollenreifen. Verbrauch: 100 Liter auf 100 Kilometer! Dass der Einsatz dieses wilden Fahrzeugs mehr als angebracht ist, zeigt sich, als wir gleich am Anfang die Oka auf einer hundert Meter breiten und über weite Strecken mehr als einen Meter tiefen Furt durchqueren. Weiter führt die Route den ganzen Tag das Tal des Tissa-Flusses stromauf, wobei großteils das Flussbett als „Strasse“ benutzt wird, um dichtem Wald oder Sumpf auszuweichen. Vereinzelt liegen hier auf 1400 m Seehöhe noch Gehöfte, die – ähnlich wie die heimischen Almen – im Sommer zur Rinderzucht bezogen werden. Viele Stunden später erreichen wir die letzte menschliche Ansiedlung: Der hier mit seiner Familie lebende Buryate Zseseren wird uns mit seinen Pferden bis zum Ausgangspunkt unserer Bootstour über die Berge begleiten, wofür drei Tage veranschlagt sind. Der LKW-Fahrer bringt uns noch zwei Fahrstunden weiter stromauf, wo wir beim Ausfluss des wunderschönen Gebirgssees Schuchtalai Nuur übernachten.

- Anfahrt auf der LKW-Ladefläche

- Spiegelung im Schuchtalai Nuur
Zu Pferd über die Berge
Am Abend kommen Aleksej und Zseseren zu Pferd nach, leider nur mit vier Gäulen. Wir sind skeptisch, ob diese vier Reiter samt Boot, Gepäck und Proviant für drei Wochen über die Berge tragen können. Doch keine extra Tragpferde zu verwenden erweist sich als richtige Entscheidung: Die Reitstrecke entpuppt sich als Hindernis-Parcours par excellence. Dichtes Gestrüpp, eng stehende Baumstämme, zahllose steile Böschungen und tiefe Furten sowie lange sumpfige Abschnitte behindern das Vorwärtskommen und hätten beim Nachführen von Packpferden große Probleme bereitet. Den ersten Reittag erleben wir als Leistungsschau der buryatischen Pferde: Die frischen Tiere halten in gestrecktem Marsch bis zur Finsternis durch, sodass wir mehr als die Hälfte der Strecke bereits am ersten Tag schaffen.
Die Landschaft hier im Hochgebirge erweist sich trotz des schlechten Wetters als märchenhaft schön, zwischen den Wolken blinzeln weiße Gipfel (z.B. der nahe Munku Sardik mit 3491 m) durch. Wir reiten zuerst durch Nadelwald, teils flussbegleitende Moore und lichte Lärchen bis hinauf in die hochalpine Tundra, wo rot verfärbte Zwergbirken, vereinzelte Zirben und sich flächig ausbreitende Rentierflechten wunderschöne Farbkontraste bilden.

- Zeseren hoch zu Ross

- Passhöhe an der Grenze nach Tuwa
Mein Hengst zeigt beim Beladen recht widerspenstige Charakterzüge, unterwegs habe ich aber den Eindruck, dass er willig die Strapaze auf sich nimmt. Harald hat weniger Glück, sein Pferd ist bei steilen Böschungen und im Sumpf recht unsicher, bockt und wirft ihn drei Mal ab. Darum ist die Erleichterung groß, als wir wohlbehalten bereits am zweiten Tag die gesamte Reitstrecke von 70 km absolviert, die Wasserscheide ins Einzugsgebiet des Jenissei auf 2000 m Seehöhe überwunden und nach steilem Abstieg einen Oberlauf des Belin Gol [Gol = mongolisch und tuwinisch für Fluss] erreicht haben. Dieser Gebirgsbach heißt Belin Bashen und erscheint uns gerade groß genug für eine Befahrung. Wir entschließen uns aber, noch ein paar Kilometer bis zum Belin Chol [chol = tuwinisch für See] hinunter zu reiten, um keine Schädigung des Bootes durch ständige Grundkontakte zu riskieren – angesichts der bevorstehenden langen Bootstour und der vielen Holzverklausungen in dem kleinen Bach eine weise Entscheidung.
Am Belin Chol
Am Ufer des Sees angekommen, werden rasch die Fliegengerten zusammengesteckt, um herauszufinden, wer die verheißungsvollen Ringe an der Wasseroberfläche verursacht – es sind Äschen, die vor allem beim Einrinn in enorm hoher Zahl konzentriert stehen. Wahrscheinlich dürfte der Futterneid dafür verantwortlich sein, dass sie hier nicht (wie weiter stromab) selektiv nur auf bestimmte Köder beißen, sondern fast jede Fliege vorbehaltlos nehmen. So ist im Nu eine Strecke gefangen, die nicht nur Harald und mir, sondern auch unseren beiden buryatischen Führern als Mahlzeit dienen kann.
Im Jahr 2007 hatte ich Proben von Äschen auf mongolischem Staatsgebiet aus einem Fluss im selben Einzugsgebiet gesammelt, nur etwa 100 km Luftlinie entfernt. Aufgrund ausgeprägter Unterschiede zu allen anderen bisher beschriebenen Äschenarten konnten Prof. Igor Knizhin und Prof. Steven Weiss anhand dieser Proben eine neue Art beschreiben, der sie zu Ehren des russischen Fischforschers Anatolii Nikolaevich Svetovidov den Namen Thymallus svetovidovi (Knizhin & Weiss, 2009) verliehen haben. Als ein Ziel meiner Reise hatte ich mir gesetzt, die Verbreitung dieser Äsche weiter stromab im Einzugsgebiet des Kleinen Jenissei zu erkunden. Bisher ist nicht bekannt, wo die Verbreitungsgebiete dieser Gelbschwanzäsche und der Form der Arktischen Äsche aneinander stoßen, die weiter stromab am Mittleren Jenissei vorkommt.
Und tatsächlich, bei den Äschen hier im Belin Chol handelt es sich unzweifelhaft um diese wunderschöne, neue Art. Nicht nur der goldgelbe Schwanzstiel, auch weitere Merkmale wie die „bulligen“ Proportionen (große Höhe von Kopf und Rumpf im Verhältnis zur Körperlänge) oder die Zahl von mehr als 5 Fleckenreihen auf der Rückenflosse unterscheiden die „Gelbschwanzäsche“ von anderen Formen.

- Auswettern am Bergsee Belin Chol

- Gelbschwanz-Äsche
Weil Dauerregen eingesetzt hat und die Temperatur auf wenig über Null gefallen ist, warten wir einen Tag zu, bevor wir „in (den) See stechen“. Auch Zeseren und Aleksej sitzen am Ufer fest: Auf dem tags zuvor überquerten Pass fällt jetzt sicher Schnee, sodass der Rückritt derzeit nicht ratsam ist. Die beiden Buryaten nehmen das ohne Murren zur Kenntnis und verbreiten am nur mühsam am Brennen gehaltenen Lagerfeuer gute Stimmung. Unweigerlich muss ich mir zwei Mitteleuropäer vorstellen, die einen Tag lang im Regen auf einen verspäteten Autobus warten, und dabei selbstverständlich ganz gelassen und guter Laune bleiben. Harald und ich bemühen uns, ebenfalls gelassen zu bleiben, doch die Spannung knistert, was uns auf der langen Flussfahrt erwarten wird. Davon im zweiten Teil!



