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Katun in Sibirien

Ab jetzt wollten wir uns um unsere Verpflegung selbst kümmern. Von Gries-, Milch-, Hirse- und Buchweizenbrei, trockenem Brot und Dosenfleisch hatten alle genug. Norbert wurde zum Proviantmeister ernannt. Jeder spendete 15,00 EUR und in Aktasch, einer ehemaligen Berggeister... ähm Bergarbeitersiedlung, halfen wir den Lebensmittelläden Rekordumsätze zu machen.Für nicht mal 30,00 EUR gab es Hühnchen, Salami, Gurken, Tomaten, Melonen, Speck, Brot, Spagetti, Eier, Zwiebeln, Gewürze, usw., usw. bis hin zu Alufolie zum Grillen. Das Essen würde für 11 Personen 3 Abende reichen, obwohl die Hälfte davon noch den Bach runter ging!1000 EUR hätte Wolodja für unsere Verpflegung bekommen. Da drängt sich mir eine Frage auf liebes Hauser-Team: Wo sind meine Euros hin, wo sind sie geblieben?!?

Von Aktasch ging es in strömendem Regen zurück zum Camp Jaloman, wo wir unsere zweite Nacht verbracht hatten. Dort wartete bereits Sergej, der Boss von SIBALP, und unsere Rafting-Guides: Alexander, Nikolai (Sergejs Sohn) und noch ein Sergej (Romans jüngerer Bruder). Außerdem gesellte sich ein weiterer Tourist zu uns, Ruben aus Holland. Er sollte uns die nächsten 3 Tage auf dem Katun begleiten. Gottfried hatte nun die schwere Aufgabe, Sergej über den Stand der Dinge aufzuklären und weshalb es für einige aus der Mannschaft kein Trinkgeld geben wird. Das wir heute unser Essen selbst kochten, stimmte Sergej schon etwas nachdenklich. Es folgte eine lange Diskussion zwischen den Beiden. Wir aßen derweil Spagetti mit Tomatensoße und dazu gemischten Salat und zwar einen Teller für jeden und nicht 2 Teller für die ganze Gruppe. Selbst Klaus bekamen wir satt. Mit Sascha fuhren wir am Morgen zur Mündung des Jaloman in den Katun. Dort sollte unser Flussabenteuer beginnen. Zwei Schlauchboote, Österreicher der Firma Grabner, breiteten die Jungs am Ufer aus. Eins war für 10 Paddler und einen Kapitän. Das andere war etwas kleiner, 6 Paddler und der Kapitän hatten Platz.

Wir wurden wieder in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich durfte mit Julia, Norbert, Klaus und Gottfried im kleinen Boot fahren. Sergej war unser Kapitän. Die anderen fuhren mit Alexander im großen Boot.

Die Ausrüstung steckte in wasserdichten Packsäcken, auch unsere Kameras stopften wir in kleine Säcke. Für einen Teil der Verpflegung gab es Plastiktonnen mit Deckel zum Zuschrauben. Das Bier kam vorn in den Bug.

"Wäre es nicht besser die Kameras in die Tonnen zu packen?", fragte Gottfried. Ich war zu faul die Tasche wieder aus dem Sack zu zerren. Monika, Norbert und Julia packten noch mal um.

Bevor es endgültig aufs Wasser ging, bekamen wir eine kurze Einweisung von Sergej. "Es gibt Stellen die sind sehr, sehr schwer.", sagte er. "Das dort vorn ist noch gar nichts." Seine Hand wies auf eine Stelle flussabwärts wo es spritzte und brodelte. Irgendwie fand ich das sehr beruhigend. Wusste ich doch aufgrund einschlägiger Erfahrungen, Flüsse mochten mich nicht.

Katun bedeutet auf Deutsch "Prinzessin", was die Lage nicht gerade verbesserte.

Trotz schlechter Vorzeichen booteten wir ein, die Strömung packte uns und 6 Paddel tauchten ins Wasser. Mein Platz war steuerbords an der Spitze des Bootes, mit dem Privileg, den drohenden Gefahren immer direkt ins Auge zu sehen.

Das Brodeln kam näher, Sergej gab Kommandos: "Wperjod (Vorwärts)!" und "raz (eins)! raz! raz!" Ich wurde kurz geduscht, dann waren wir auch schon durch.

Jetzt beruhigte sich der Katun und die nächste knappe Stunde dümpelten wir vor uns hin. Kurz vor der Mündung des Großen Ilgumen gingen wir an Land, die erste richtige Herausforderung stand uns bevor.

Die Ilgumen-Stromschnellen wurden auf der 6-stufigen Schwierigkeitsskala für Wildwasser mit 3 - 4 eingestuft. Am Ufer hockten Touristen, bewaffnet mit Video- und Digitalkameras. Unsere Guides diskutierten über den besten Weg durch die Stromschnellen. "Wenn wir durch sind, gibt's ein Bier.", sagte Alexander. "Das ist so Tradition bei uns." Unser Boot sollte zuerst fahren.

Jeder hakte sich an den Beinschlaufen fest. Verkrampfte Hände hielten das Paddel, ein "wperjod" von Sergej und los ging's. "Raz, raz, raz, Sergejs Kommandos wurden schneller. Der Bug tauchte nach unten, Wasser spritzte mir ins Gesicht. Dann schossen wir wieder nach oben, um gleich darauf in ein Loch zu fallen. Es war wie eine Fahrt mit der Achterbahn auf dem Rummelplatz. Schon konnte ich ruhiges Wasser erkennen. Aber nur für einen Augenblick, dann sah ich nur noch die schwarze Spitze des Bootes über mir tanzen.

Wie einen Strohhalm im Wind hatte die letzte Welle unser 4 Meter langes Boot in die Senkrechte befördert. Ich rutschte aus den Sandalen und milchiges Katunwasser schlug über mir zusammen. Kurz darauf tauchte ich auf. "Wenn jemand ins Wasser fällt, immer die Füße stromab bringen", erinnerte ich mich an Sergejs Worte. Es klappte. Ich war erstaunlich ruhig, fand es sogar witzig. Mein Paddel hielt ich noch in der linken Hand. Bierbüchsen überholten mich, meine Sandalen ebenfalls. Ich musste mich entscheiden und griff nach den Schuhen. Schwimmen konnte ich so aber schlecht.

Nach einer Weile klatschte der Rettungsanker hinter mir ins Wasser, gleich darauf noch mal. Ich packte ihn, Sergej holte ein und zog mich ins Boot. Norbert war noch bei ihm, die anderen waren verschwunden.

Wir paddelten ans Ufer, dort krabbelten auch gerade Klaus und Julia an Land, Gottfried blieb verschollen.

Sergej band das Boot an einen Stein und lief stromauf, um nach den anderen zu sehen.

Das war's, sagte ich mir. Der einzige der Bier bekam war der Katun. Außerdem behielt er sich noch die Kameras von Monika, Julia und Norbert, einen Großteil unserer Verpflegung und wie wir später feststellten auch das Gestänge von unserem Zelt. Der Deckel der Plastiktonne hatte sich gelöst. Zum Glück konnte Norbert noch Karins Geldbeutel aus dem Wasser fischen.

Zusammen mit Sergej musste er das Boot wieder umdrehen, während wir im Wasser schwammen. Allein hätte es Sergej nicht geschafft.

Fast eine Stunde hockten wir am Ufer, von den anderen keine Spur. Mir war die Lust aufs Abenteuer gründlich vergangen. Hätte mich am liebsten nach Nowosibirsk fahren lassen und die restlichen Tage in einem Hotel gelangweilt. Dann endlich kam das andere Boot, mit Gottfried und Sergej an Bord.

Wir nahmen wieder unsere Plätze ein. Lustlos und etwas gereizt paddelte ich weiter. Gottfried hatte es schon weiter oben an Land gespült, seine Brille musste er an den Fluss abtreten.

Wir paddelten bis zu einem Sandstrand auf dem eine Gruppe Russen Ball spielten. Dort gingen wir an Land, um etwas zu essen. Ruben, der Holländer, hatte die Figur eines texanischen highshoolboys und er redete auch so. "It was not a good start for you today.", sagte er. "It was a big fuck today!", antwortete ich ihm und knabberte an einem Keks rum.

Nikolai und Alexander holten Wasser, um zu kochen. Heute würden wir nicht mehr weiter fahren. "Es bringt Unglück wenn man nach 18:00 Uhr noch auf dem Wasser ist", meinte Nikolai. Ich hielt das für einen Witz.

Als ich mit Klaus das Zelt aufbauen wollte, merkten wir, dass unser Zeltgestänge auch verschwunden war. Da es sich nicht zusammenklappen lies, lag es lose im Boot und war folglich mit abgesoffen. Nikolai fragte bei den russischen Paddlern nach. Ein tarnuniformierter Typ mit Kopftuch, der mich an die russischen Tschetschenienkämpfer im Fernsehen erinnerte, brachte uns ein zerknautschtes McKinley-Zelt. Besser als nichts. Zwei Nächte würde es schon noch durchhalten.

"How do you like Russia?", wollte einer der Russen wissen. Ich schaute ihn an und sagte: "Crazy people." Er hatte es nur nett gemeint. Hinterher tat es mir leid.

Ich war müde und wollte schlafen. Selbst die gegrillten Hühnerschenkel und Kartoffelpuffer konnten meine Stimmung nicht mehr so recht anheben. Klaus verschwand auch ziemlich zeitig im Zelt und selbst unserem Kapitän, Sergej schien das Erlebnis noch in den Knochen zu stecken. Er kroch unter die umgestülpten Schlauchboote und lies sich den ganzen Abend nicht mehr blicken.

Julia und Norbert waren noch am besten drauf. Sie stürzten sich in die Küchenarbeit. Ich lag noch lange wach, es fing an zu regnen, draußen quakte Ruben.

Am Morgen sah die Welt schon wieder anders aus. Die Tour schien wieder viel versprechend zu werden. Der erste Abschnitt führte durch einen 8 km langen Cañon, die "Kadrinskaja truba", an dessen Ausgang zwei Walzen lauerten, die übersetzt "Giftpilze" heißen. Anschließend würde es durch die Schabasch-Stromschnellen gehen - Schwierigkeit 4-5.

Ich würde mit Sicherheit nicht durchfahren, soviel stand fest. Was die "Giftpilze" betraf, einfach drauf zukommen lassen, dachte ich. In kleiner Dosis genossen, machen die doch "High", oder??

 

Alexander, im anderen Boot, war ein ausgezeichneter Indikator für schwierige Stellen. Solange seine Kippe zwischen den Lippen dampfte, war keine Gefahr in Sicht. Hatte er sie nicht mehr im Mund, wurde es ernst. Meistens folgte dann auch schon das obligatorische "wperiod" von Sergej.

Das Tal verengte sich und der Fluss wurde quirliger. Wir paddelten was das Zeug hielt, wurden ab und zu nass oder ruderten in der Luft herum, wenn das Boot gerade auf einem Wellenberg aufsaß. Dann ging es plötzlich nach unten. Eine weiße, schäumende Wasserwand baute sich vor uns auf. Ich wurde auf meinem Sitz hin und her gerissen, dann waren die "Giftpilze" gegessen. Das stärkte mein Selbstvertrauen ungemein.

 

Unsere Mittagspause im Anschluss dauerte länger als geplant. Da die Stromschnellen vor der Tür standen, warteten wir auf die anderen Rafter von gestern. Zum Teil fuhren diese mit Katamaranen den Katun hinunter.

Wir standen einem Katamaran im Weg, der uns am Heck rammte, was ihm nicht so gut tat. Es dauerte eine ganze Weile bis die Mannschaft ihn wieder flott hatte.

 

Gemeinsam ging es dann in Richtung Schabasch. Die Strömung nahm spürbar zu und von weitem hörte ich das Tosen der Wassermassen. An Land zu paddeln erforderte vollen Einsatz. Das Boot drehte sich, Sergej sprang ins Wasser und zog das Boot ans Ufer, um es festzubinden.

 

Die Stromschnellen bilden 2 Stufen, etwa 100 m auseinander. Einer der Russen sagte, dass er schon 15 Jahre lang auf dem Katun fährt, aber so schwierig wie dieses Mal sahen die Stromschnellen noch nie aus.

Wir stiegen aus und suchten uns am Ufer einen Platz, um das weitere Treiben zu verfolgen.

Die Boote wurden von den Rafting-Profis durch die Stromschnellen gefahren. Die Touristen blieben zur Sicherheit an Land. Die einzelnen Teams umgingen Stufe eins, sammelten sich im Kehrwasser und dann startete einer nach dem anderen in Richtung Stufe zwei.

Beide Stufen zu fahren war anscheinend zu gefährlich. Würde in Stufe eins ein Boot kentern oder ein Mann ging über Bord, wäre ihm ein Vollwaschgang in Stufe zwei sicher gewesen.

Zuerst fuhren die Katamarane, gefolgt von den Schlauchbooten. Unsere Boote bildeten die Schlusslichter. Alexander saß wieder hinten und steuerte, Nikolai und Sergej hockten im Bug. Ich hockte mit Marion auf einem Felsen, wo wir uns als Action-Fotografen übten.

Wie bei den Ilgumen-Stromschnellen lauerte auch hier der schwierigste Teil am Ende. Die Katamarane schossen an uns vorbei. Sie hatten null Probleme. Die Schlauchboote umfuhren die Stelle am Ende. Alle? Nein! Alexander hielt voll drauf. Das Boot verschwand, tauchte wieder auf und aus dem Wasser schauten zwei Köpfe. Einer gehörte zu Alexander unserem Kapitän.

Ein Katamaran, der im Kehrwasser wartete nahm ihn ein Stück weiter unten auf. Auch wir kletterten wieder in die Boote. Bei dem ganzen Stress gab es heute eine Belohnung. An einem Bach der Ursul heißt, gab es ein Touristencamp und die hatten Bier! Mit 20 Liter in den Booten steuerten wir unseren Lagerplatz an, am Großen Sumulta-Fluss.

 

Mit Omsker Bier und Knoblauchbroten saßen wir bis spät in die Nacht am Lagerfeuer. Ameisen bissen mich in die Zehen, aber ich war zufrieden.

Trotz einer Neoprenallergie die mich ärgerte war der letzte Tag auf dem Katun erholsam. Noch eine wirkliche Stromschnelle (3), die zumindest unser Boot souverän meisterte. Die anderen hatten den Eingang verpasst und mussten ihr Boot durchs Flachwasser ziehen - Fotoapparate klickten.

Bei Kujos endete unsere über 100 km lange Raftingtour. Sergej, Natascha, Roman und Sascha warteten bereits am Ufer. Dem Katun folgend, fuhren wir zurück nach Anos, wo Sergejs Datscha stand.