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Text: Reinhold Müller

Fotos: Reinhold Müller

Reiseziel: Norwegen / Schweden 

Boote: GRABNER Outside


Zwischen Fjell, Wäldern und Seen (Teil 1)

Ein kühler Westwind streicht vom See über das Ufer, läuft über das Schilf, und wiegt das Heidekraut; Wellen brechen sich an rundgeschliffenen Uferfelsen, das Plätschern verhallt in der Ferne. Als die Nacht hereinbricht, erbleicht das blaue Wasser des Sees allmählich zu leuchtendem Weiß; der Wald am anderen Ufer erhält weiche Umrisse. Unser Lager liegt am Isteren-See in der Femundsmarka, der südlichsten Wildmark Norwegens.
 
Zwei Tage zuvor erreichten wir über den Öresund, von Kopenhagen nach Malmö, schwedischen Boden. Entlang der Küste rollte unser Konvoi – Galloper und Toyota Landcruiser mit Anhänger Tundra - nach Norden.

Kurvenreich winden sich schmale Sträßchen entlang der norwegisch-schwedischen Grenze durch eine malerische Hügellandschaft. Am Wegesrand kleine Seeaugen mit feuchten Ufern in denen das Wollgras wächst. Die Blätter der Birken säuseln im Wind und über alledem liegt der klare Duft des Nordens. Eine Landschaft die vom Klischee norwegischer Natur abweicht, die nichts von den spektakulären Fjorden, Wasserfällen, Hochplateaus und Gletschern ahnen lässt, und dennoch übt sie einen ganz eigenen Reiz aus. Am Ufer der Glomma, mit 600 km der längste Fluss Norwegens, finden wir am frühen Abend, nahe der Ortschaft Rena, einen abgelegenen Übernachtungsplatz.

Als wir anderntags aufbrechen, scheint die Sonne, einige Wolken treiben am Himmel. Gemächlich lassen wir die Fahrzeuge einem Weg aus Naturbelag folgen. Durch eine hübsche Landschaft führt die Fahrt, zunächst Nadelwälder und Weiden, dann vereinzelt Häuser und Höfe - Getreidefelder. An malerischen Seen vorbei, windet sich die Wegspur in die Berge, begleitet vom Violett der Weidenröschen und dem intensiven Gelb der Sommerflora. Über die Orte Elvseter und Galten erreichen wir irgendwann, am Fuße des 1079 Meter hohen Borfiellet, den Isteren-See (645 m). Am Westufer des Isteren verläuft die Nr. 26 nach Norden, nach Röros, wo 1977 die letzte Kupfermine in diesem Gebiet stillgelegt wurde. Nahezu 350 Jahre Bergbautradition fanden damit ihr Ende. Als einzige Stadt Norwegens wurde Röros von der UNESCO vollständig unter Denkmalschutz gestellt und als Weltkulturerbe ausgewiesen.

 Unser Lagerplatz liegt in einer Bucht am Südende des Isteren-Sees mit  herrlichem Blick auf die Höhen des Borfiellet. Zwischen ausgewachsenen Felsblöcken zieht sich ein kleiner Kiesstrand am Ufer. Als die Sonne untergeht, und die Stechmücken aufziehen wird ein Feuer angeschürt – wir erleben einen traumhaft ruhigen Abend am Ufer des Isteren.
Am nächsten Morgen lässt eine geschlossene Wolkendecke der Sonne keine Chance. Aus Nordosten weht ein strammer Wind, vor unserer Bucht türmen sich beachtliche Wellen. Als zwei Stunden später der Wind einschläft und sich am Himmel erste blaue Stellen zeigen, machen wir die Boote startklar. Nach 20 Minuten paddeln wird das Westufer einer Insel erreicht. Vor uns, ein kleiner Naturhafen mit einer karibisch anmutenden weißen Sandbank und einen etwas erhöhten Grassockel – geradezu ideal zum Anlegen der Boote. Die Insel ragt etwa einen Meter aus dem See und ist vollständig mit Kiefern bestanden. Ein weicher Teppich aus Moosen, Flechten und Heidekraut lässt uns knöcheltief einsinken. Ich bin erstaunt, als Hannah (7), eigentlich unsere "Madame bequem", alleine auf Erkundung geht. Kaum sind die Boote gesichert, die wasserdichten Kunststofftonnen auf die Böschung gewuchtet, kommt Hannah bereits zurück. Verschmitzt schaut sie mich mit ihren Kulleraugen an: "Reinhold, das muss die Insel vom Käpt'n Blaubär sein". "Wieso, Hannah" frage ich sie. "Auf der Insel wachsen überall Blaubeeren (Heidelbeeren)". Klar, dass sich die komplette Mannschaft auf die Suche macht, um unser Abendessen mit diesen schmackhaften Beeren zu ergänzen. Am späten Nachmittag erreichen wir mit den Booten wieder unsere Fahrzeuge am Ufer. Ein wolkenloser Himmel überspannt die Femundsmarka von Horizont zu Horizont, es ist angenehm warm. Je nördlicher der Breitengrad, umso heller werden die sommerlichen Nächte. Hier in der Femundsmarka bricht die Dämmerung, Anfang August, erst gegen 22 Uhr herein.

Es ist 6.30 Uhr, das Außenthermometer zeigt 3°C als ich den Vorhang im Galloper beiseite schiebe. Mein Blick schweift hinüber zum felsigen Gebirgsstock Sölen (1755 m), der bereits in das unwirklich scheinende Licht der Morgensonne getaucht ist. Dunstschwaden liegen wie weiße Wattepolster auf dem See – Nebelgespenster die sich von Minute zu Minute verändern. Zwei Stunden später hat sich auch der Rest der Crew aus den Schlafsäcken gerollt. Wir lassen es langsam angehen, das Frühstück zieht sich lang hin. Mit den Drahteseln brechen wir auf - in Richtung Femund-See. Nach 10 Kilometern treffen wir bei Femundsenden auf die Südspitze des Sees.

In dieser fast menschenleeren Region befindet sich das südlichste Samen-Reservat Norwegens. Nahe Elga, am Ostufer des Femundsees, versorgen inzwischen sesshaft gewordene Ureinwohner noch 3000 halbwilde Rentiere. Einige Kilometer weiter rasten wir am Ufer, genießen den Panoramablick über den tintenblauen See hinüber zum jenseitigen Ufer, wo sich die endlos scheinenden Wälder der Femundsmarka am Horizont verlieren.

Nahe der schwedischen Grenze liegt die Gemeinde Drevsjö mit dem sehenswerten Freilichtmuseum "Blokkodden Villmarksmuseum". Es vermittelt einen Einblick in Wohnweise, Arbeit und Lebensform der Menschen dieser Region seit der ersten Ansiedlung im 17. Jahrhundert bis zum heutigen Tage. Auf einer mit Kiefern bestandenen Landzunge, die in den Drevsjömoen (Drevsjö See) reicht, wurde das Freilichtmuseum weiträumig angelegt. Es hält Geschichte und Tradition der hier lebenden Menschen lebendig. Die Samen (Lappen), mit ihren Rentierherden, waren die Ersten die in diesem Gebiet das ganze Jahr über gelebt haben (seit dem 17. Jahrhundert), erst später wurde von Bauern dieser Landstrich zur Almwirtschaft, Jagen, Fischen und zur Erzgewinnung genutzt.

Am Ostufer des Femund liegt sieben Kilometer nördlich von Femundsenden, nahe der Siedlung Sorken, das F.C.C. Femund Canoe Camp, hier kann man zelten oder eine einfache Hütte mieten. Hier erhält der Kanute wichtige Revier-Informationen und das benötigte Kartenmaterial. Für den, der wie wir, nach Elga weiterfahren will, endet nach einigen Kilometern der Asphalt. Auf einem Naturbelagsträßchen holpert unser Konvoi durch die Abgeschiedenheit wilder Natur. Immer wieder überqueren Rentiere die Wegspur oder äsen am Straßenrand. Dann wieder sumpfige Stellen, Morast, Seggen, Wollgras und Schilf. Als farbiger Kontrast leuchten die violett blühenden Weidenröschen auf offenen Flächen. Durch lichten Kiefernwald, vorbei an kleinen Seen folgen wir einem Abzweig mit dem Hinweisschild "Gutulia". Die Piste verläuft nach Osten und endet bei einer Abstellmöglichkeit für die Fahrzeuge am Ufer des Gutulisjön. Von hier geht's nur noch auf Schusters Rappen weiter. In östlicher Richtung wird nach etwas mehr als drei Kilometern die Sennerei Gutuivollen erreicht, die einzige Hütte im Bereich des Gutulia Nationalparks. Der Gutulia Nationalpark ist mit 19 qkm einer der kleinsten norwegischen Nationalparks. Bereits 1916 wurde das Gebiet um den Gutulivola (948 m) als Schutzgebiet ausgewiesen und 1968 als Nationalpark anerkannt, völlig weglos muss sich der Besucher durch das Gelände schlagen. Die Wälder im Park haben Urwaldcharakter, unter den Fichten und Kiefern soll es bis zu 400 Jahre alte Bäume geben.

Bei Röstvollen treffen wir auf die RV 221. An der südlichen Grenze des Femundsmarka Nationalpark erhebt sich der Elgahogna, mit 1459 m der höchste Berg weit und breit. Wildnis in ihrer ganzen rauen Schönheit. Auf den Stahlrössern radeln wir nach Elga am Ostufer des Femund-Sees. Zunächst steigt die Straße gemächlich an, doch auf den letzten Kilometern geht es flott bergab. Das Versorgungszentrum der Ortschaft liegt links neben der Straße und besteht aus einer Tankstelle und einer Einkaufsmöglichkeit. Elga liegt nicht nur wunderschön am Ufer des Femund, sondern es ist auch die beste Adresse um von Land aus den Femundsmarka Nationalpark zu erkunden; doch eine Straße die bis zur Parkgrenze führt gibt es nicht. Weiter im Norden steht eine Hütte für Selbstversorger, Rovollen, ansonsten sind für einen Wildnistrip Wanderstiefel und Zelt ein "Muss".

Der Abend am Ufer des Isteren beginnt ruhig, das Lagerfeuer flackert. Begleitet von einem gespenstisch wirkenden Wetterleuchten schieben sich ganz allmählich Wolken über die Landschaft. Gegen 22 Uhr drohen Donner und Blitze mit Ungemach, doch gottlob ziehen sie weiter südlich ab. Der nächste Morgen begrüßt uns stürmisch. Wir sind verwöhnt von dem sonnigen Wetter der vergangenen Tage und bleiben noch ein wenig im Camper, um Petrus eine Chance zu geben. Anscheinend ist er auf Konfrontation aus und bleibt auf seinem Standpunkt. Gegen Mittag ist die Ausrüstung in den Fahrzeugen verstaut – wir brechen auf.

Aus dem abfließenden Wasser einiger Seen im Femundgebiet entsteht der Femundselva, der zu den schönsten Wildwanderflüssen Skandinaviens zählt. Je nach Region, wechselt der Fluss dreimal seinen Namen; in der Komune Engertal heißt er Femundselva, weiter südlich, in Trysil, wird er Trysilelven genannt und in Schweden kennt man ihn als Klarälven, berühmt durch seine Flößertradition.

 Uns ist nicht nach Flößen; Helmut und ich schieben den Schlauchkanadier Outside unterhalb der rasanten Stromschnelle an der Brücke von Elvbrua in das glasklare Wasser des Trysilelven. Der Fluss führt gutes Mittelwasser, wir kommen flott voran. Im Westen hat sich die Sonne ein Loch in die düsteren Wolkenberge gebrannt. Romantisch ergießt sich ein sanftes Licht über die Landschaft und lässt das wogende Wasser wie flüssiges Gold erscheinen. Doch die Sonne zeigt sich nur kurz. Auf den ersten Kilometern erwarten uns drei, mehrere hundert Meter lange Schwallstrecken, gespickt mit Kenterfallen, in Form von herausragenden oder nur knapp überspülten Felsen. Hier wird eine sichere Bootsführung verlangt, zumal wuchtige Wellen und fiese Walzen auf uns warten. In der Ferne grollt Donner, eine Regenfront lässt die Berge in einem milchigen Grau verschwinden. Immer wieder wechseln ruhigere Stellen mit Schwallstrecken. Wir genießen die Fahrt mit dem Boot durch eine naturbelassene Wildnisstrecke in der Kiefernwald und Rentierflechte am auffälligsten sind. Nach drei Stunden Kanu-Genuss erreichen wir unseren Lagerplatz. Wenig später holt uns der Regen ein, dräuende Wolken hängen tief über den Wäldern, Nebel steigt auf - wir ziehen uns in den Camper zurück.

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