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An den mongolischen Quellen des Jenissej ...
Teil 2: Auf Tuwa-Taimen. Oder: Grenzerfahrungen
Die Mongolei ist für eine tolle Fischerei auf Taimen (Sibirischen Huchen) schon recht bekannt geworden. Dieser enge Verwandte des heimischen, vom Aussterben bedrohten Huchen oder Donaulachs ist für viele Fliegenfischer ein Traumfisch. Leider sind die Bestände auch in den naturbelassenen Flüssen der Mongolei rückläufig und vielerorts vor allem durch Überfischung durch illegale Banden bedroht, teils aber auch wie beim heimischen Huchen durch Verschlechterung des Lebensraums durch Klimaveränderung, Überweidung, und Eintrag von Feinsediment durch Abbau von Bodenschätzen.
Will man in der Mongolei als Individualtourist eine hervorragende Taimen-Fischerei erleben, muss man sich daher schon etwas Besonderes einfallen lassen. Meine Idee war, den Fluss Delgermoron in der russisch-mongolischen Grenzregion auf fast seiner gesamten Strecke mit dem Boot zu befahren (der Fluss wird auch Delgermörön, Delgermuren oder Delger Muron geschrieben; delger bedeutet auf mongolisch Reichtum, Überfluss; moron heißt großer Fluss, Strom). Das Sperrgebiet am Oberlauf darf ohne Sondergenehmigung nicht betreten werden und wird von einer berittenen Grenzpolizei bewacht. Ich rechnete mir hier Chancen auf eine besonders gute Fischerei aus – schließlich sind wir wahrscheinlich die ersten überhaupt, die die Grenzstrecke befahren und befischen. Doch wie an den Fluss gelangen – befahrbares Gelände reicht nirgends nur annähernd an den Oberlauf heran? Zwischen Fluss und Zivilisation liegen neben den bürokratischen Hürden 50 km unwegsames Gelände, Bergpässe, Sümpfe und Gestrüpp!
Die Lösung sind die Genehmigungen für unseren wissenschaftlichen Auftrag – schließlich wollen wir auch aus dem Delgermoron Äschenproben sammeln (siehe Teil 1). Der Plan ist, mit Pferden über die Berge zu reiten, um Boote, Ausrüstung und Proviant an den Fluss zu bringen – so weit stromauf, wie eine Bootsbefahrung nur irgend möglich ist. Mit den offiziellen Papieren in Händen steuern wir direkt das Quartier der Grenzpolizei an. Der Kommandant der Truppe macht zuerst eine finstere Mine, doch unser Fahrer schafft es, ihn umzustimmen: Der Befehlshaber der Grenzpolizei unterstützt unser Vorhaben, erlaubt das Betreten der Sperrzone und wird uns gleich am nächsten Tag Pack- und Reitpferde zur Verfügung stellen! Doch eins bläut er uns mit Nachdruck ein: Wir müssen immer am linken (mongolischen) Ufer bleiben, die linken Nebenarme befahren, am linken Ufer fischen, Lager und Pipi machen. Denn auf der rechten (tuwenischen) Seite des Flusses könnten wir von den Russen verhaftet werden!
Zu Pferd an den Fluss
Ziemlich mulmig ist uns bei der Sache schon: Keiner von uns Dreien ist Reiter – das Maximum an Erfahrung, das wir aufbringen, ist beim Volksfest als Kind 5 Minuten Ponyreiten. Für Mongolen wär das eine untragbare Schande – dementsprechend nimmt der Fahrer uns gleich ordentlich auf die Schaufel. Wir fahren am Ende der Straße noch einige Kilometer weiter, um uns die Reitstrecke zu verkürzen, bleiben prompt hängen.
Nicht einmal mit einem zweiten Geländewagen lässt sich der Uaz Allradbus aus dem Schlamm ziehen. Mühsam werden die Achsen mit Stangen hoch gehebelt und Steine darunter geschlichtet. Erst nach schweißtreibender, mehrstündiger Arbeit kann das Gefährt befreit werden. Reiten – die einzige und vielleicht doch eine gute Alternative im weglosen Grenzgebiet?
Am nächsten Morgen nahen die Grenzsoldaten – sie werden ihre Kameraden von ihrer 15-tägigen Wache-Schicht ablösen und mit uns an die Grenze reiten. Wilde Gesellen sind es, uniformierte junge Männer, bewaffnet mit automatischen Gewehren. Beim Beladen bockt prompt das erste Pferd, geht durch und streift das Gepäck an den Sträuchern ab. Wir hoffen, dass es uns nicht ähnlich ergeht, doch uns werden die ältesten und gutmütigsten Gäule zugeteilt. So geht’s problemlos hoch zu Ross über die traumhaft herbstlich verfärbte Ulaan Tayga.
Man merkt, wir befinden uns in der Grenzregion: Das Gras hier ist nicht abgeweidet, dafür gibt es zahlreiches Wild. Die mongolischen Nomaden meiden das Gebiet, denn immer wieder kommt es in Grenznähe zu Übertritten von tuwenischen Viehdieben, welche mit gestohlenen Tieren auf Nimmerwiedersehen über die russische Grenze verschwinden. Nach zwei Tagen Ritt – Schenkel, Knie und Gesäß sind schon ziemlich lädiert – noch einmal eine Herausforderung: Steile Flanken und dichter Wald trennen uns vom Tal des Delgermoron, doch auf die Trittsicherheit der mongolischen Pferde ist Verlass. Die Spannung ist unerträglich, den Fluss endlich zu erblicken: Wird die Wassermenge hier oben schon zu einer Bootsbefahrung reichen, sind wilde Stromschnellen oder gar Wasserfälle zu befürchten?
Am Oberlauf - Grenzerfahrungen
Ich kannte den Delgermoron unten an seiner Mündung in die Selenge bereits von meiner Bootstour 2005 (siehe Reisebericht „Auf dem Schlauchboot vom Fluss der Steine zur Mutter der Flüsse: Ein Fliegenfischer - Abenteuer in der Mongolei“).
Damals führte er trübes Hochwassser, doch heuer zeigt sich der Wettergott von einer besseren Seite: Der Delgermoron ist glasklar, während sich die Flüsse Chuluut und Ider aus dem Süden bis weit in den September hinein nicht aufklaren und mies zu befischen sind, wie wir später erfahren. Wir verabschieden uns von den Soldaten, die beim Reiten zu Freunden geworden sind. Ab jetzt sind wir auf uns selbst gestellt. Vor uns liegt ein Riesen-Abenteuer: 300 km traumhafte, im Oberlauf unbefischte und absolut menschenleere Flusslandschaft!
Entlang der Grenzstrecke läuft’s noch zäh: Im Bett liegen Steinblöcke verstreut, zwischen denen sich der herbstliche Niederwasserabfluss verteilt. Allzu oft heißt’s Aussteigen und die Grabner Boote (den „Outside“ Schlauchkanadier für Peter und Michael, das „Explorer“ Kajak für mich) viele hundert Meter ziehen und stemmen. Doch nach der Mündung einiger russischer Zubringer reicht die Fahrwassertiefe. Was eine solche Bootstour zur Besonderheit macht, ist die Möglichkeit, bei jedem schönen Platz stehen zu bleiben und zu fischen, sodass eine lange Flussstrecke effektiv abgesucht werden kann. Bereits am zweiten Bootstag landet jeder von uns beim Fliegenfischen mit silbrigen Streamern einen kleineren Taimen.
Am dritten Bootstag geht die Rechnung dann so richtig auf: Das Wetter ist trüb und regnerisch, doch das dürfte die Beißlaune der Taimen so richtig in Fahrt bringen: Viele unserer Bootsstopps für eine Stunde Fliegenfischen werden mit einem Taimen belohnt, leider bleiben sie aber alle unter der magischen Grenze von einem Meter. Als beste Fangplätze kristallisieren sich tiefere Rinnen in rasch fließenden, seichteren Strecken heraus. Besonders „heiß“ sind auch Einläufe von Kolken, vor allem bei anstehendem Fels oder wenn Felsblöcke an der Sohle liegen (siehe Panoramafoto am Beginn, Pfeil). In großflächig tiefen, mäßig strömenden Kolken und Zügen sind beim Drüberfahren mit dem Boot zwar vereinzelt Taimen auszumachen – zu fangen dürften sie jedoch hier eher schwierig sein.
Wir hoffen, dass der Fangerfolg in den nächsten Tagen so weiter geht, doch leider kommt’s anders. Sehr viel Zeit bleibt auch nicht zum Fischen – wir müssen Strecke machen, um unseren Endpunkt (die Provinzstadt Mörön) rechtzeitig erreichen zu können. Auch das tägliche Kochen, Auf- und Abbauen des Lagers und Beladen des Boots nimmt viel Zeit in Anspruch. Meist bin ich mit dem schnittigen Exporer etwas schneller als meine Freunde mit dem Outside. Das Zuladevolumen des Explorer überrascht mich positiv. Besonders das Verstauen von Ausrüstung Packsäcken hinter dem aufklappbaren Sitz sowie in den Reißverschlusssäcken auf dem Vorder- und Hinterverdeck der erweist sich als überaus praktisch.
Am folgenden Tag stellt sich wolkenloses herbstliches Schönwetter ein, das für die restlichen zwei Wochen anhalten sollte. Ob das dafür verantwortlich ist, dass wir beim Taimenfischen meist erfolglos bleiben, oder die Tatsache, dass wir aus dem Grenzgebiet und daher unbefischten Gefilden heraus gefahren sind, ist schwer zu sagen. Fakt ist: In den folgenden drei Tagen schwingen wir fleißig unser Fliegenruten weiter, können aber trotz optimaler Bedingungen nur einen kleinen Taimen fangen, und als bisherigen Höhepunkt ein 95 cm Exemplar, das sich auf die schwimmende Hirschhaarmaus stürzt.
Doch die traumhafte Gegend entschädigt für die Schneidertage: Glasklares Wasser, am Ufer grüne Lärchen, die beginnen, sich gelb zu verfärben, am Talrand Felsformationen aus weißem Kalkgestein in bizarren Formen – es fällt schwer, sich eine idyllischere Landschaft vorzustellen als die märchenhafte herbstliche Nordmongolei. Wir beschließen, bereits mittags Halt zu machen und den schönen Tag zu genießen. Ich gehe zum Lenokfischen, um für das Mittagessen zu sorgen. Nach einer halben Stunde ohne nennenswerten Erfolg bleibt mein Silberstreamer Größe 2 in der Flussmitte stehen. Ein harter Ruck in der Rute lässt mir die Alarmglocken schrillen: Schon kann ich hinter der Fliege ein riesiges dunkles Etwas erkennen! Huchentypisch kommt der Taimen an die Oberfläche, spreizt und schüttelt sein riesiges Maul, versucht die lächerlich kleine Fliege abzuschütteln. Diesen Fisch zu kriegen, wär mein Traum! Doch realistischerweise hoffe ich kaum, den Kapitalen mit dem feinen Fliegenzeug landen zu können. Ein paar Fluchten mit Urgewalt, es ist nicht mal dran zu denken, den Fisch aufzuhalten. Doch schon werden die Fluchten kürzer, der Große Rote zeigt Flanke und lässt sich schlussendlich wirklich stranden. Ich bin überglücklich: Der wunderschöne Taimen misst 1,22 m und zeigt bei Parade-Proportionen noch keinerlei Alterserscheinungen.
Huchenfischerei – ein Mysterium
Wär hätte das gedacht? So ein Fang mit dem kleinen Köder und bei gleißendem Mittagslicht! Doch irgendwie ist’s bezeichnend, denn selbst alte Taimen-Veteranen tun sich schwer, Regeln und Gesetzmäßigkeiten für den Fang dieser Traumfische aufzustellen. Dies gilt besonders für mongolische Taimen, die sowohl trocken an der Oberfläche auf Maus- oder Heuschreckenmuster, als mit kleinen oder auch riesigen Streamern in knalligen oder Natur-Farben, ja sogar mit Steinfliegennymphen zu fangen sind. Sie stehen nicht nur in tiefen Kolken und gehen unerwartet zum Rauben ins Flachwasser – sei es in der Mittagshitze oder in der Nacht – irgendwann kann überall ein Taimen auftauchen. Jeder hat ein anderes Erfolgsrezept, schwört auf dieses oder jenes. Es scheint wie bei der heimischen Huchenpirsch: Erfolg hat, wer trotz langer Durststrecken fleißig fischt und das Glück oder den Riecher hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Der Mittel- und Unterlauf
Dieser Fisch war der letzte Taimen, den wir an den Haken bekommen sollten – die restlichen 200 km Fluss: Fehlanzeige. Kurz kommen wir in zugängliches Gebiet, eine Seilfähre bietet für Fahrzeuge die einzige Möglichkeit, den Fluss zu queren. Hier hat ein kleiner Goldrausch eingesetzt: Ein paar Dutzende Familien schürfen mit primitiven Werkzeugen im Uferschotter nach dem Edelmetall – die Szenerie sieht genau so aus, wie man sich’s im 19. Jahrhundert im Yukon ausmalen würde.
Der Mittellauf führt uns durch steile Schluchten und teils anspruchsvolles Wildwasser. Hier gilt’s mit den noch mit viel Proviant beladenen Booten geschickt zwischen den Blöcken zu manövrieren, was sowohl mit dem wendigen Outside als auch dem schnittigen Explorer sehr gut gelingt. Erst im Unterlauf weitet sich das Tal auf. Der Fluss beginnt, sich in meist 2 große Hauptarme auf zu zweigen, die zum Mäandrieren neigen und kleinere Alt- und Nebenarme abschnüren. Besteigt man die umliegenden Hügel und Berge, so kann man einen atemberaubenden Blick über die Aulandschaft, die verstreut liegenden Jurten der Nomaden und deren Viehherden erhaschen.
Noch knapp 70 Flusskilometer verbleiben bis zur Mündung des Delgermoron in die Selenge, aber für diese Strecke bleibt uns keine Zeit mehr. Wir lassen an der ersten und einzigen Brücke des gesamten Flusses die Luft aus unseren Booten, um von Mörön nach Ulaanbaatar und weiter über Moskau zurück in die Heimat zu fliegen.
Um viele Eindrücke bereichert, freuen wir uns nach vier Wochen Wildnis auf Selbstverständlichkeiten wie Dusche, Bett, ein kühles Bier. Groß ist die Freude und Erleichterung, diese abwechslungsreiche Tour so erfolgreich gemeistert zu haben!



















