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Die Schluchten des Tarn

Text und Fotos:Reinhold Müller
Reiseziel:Schluchten des Tarn
Boote:GRABNER Outside

Die glutrote Abendsonne steht bereits eine Handbreit über dem felsigen Bergrücken im Westen und mahnt, nach einem Übernachtungsplatz Ausschau zu halten. Oberhalb von Florac finden wir am Ostabfall des Causse Méjean einen geeigneten Flecken. Wir sind in Frankreich unterwegs, in den Cevennen, einem südlichen Ausläufer des Massif Central.

Landschaftliche Gegensätze auf engem Raum formen sowohl die Cevennen als auch das Gebiet der Grands Causses. Während die Cevennen, ein zerklüftetes, bewaldetes Mittelgebirge, Reliefs und Profile zeigen, die für eine so kleine Kette von Erhebungen ganz ungewöhnlich sind, bilden die Causses einen krassen Gegensatz; Kalkhochflächen mit einer mittleren Höhe von etwa 1000 Metern, durch die Flüsse, in Jahrmillionen, grandiose Schluchten gegraben haben.

Gespenstisch, der Ausblick am nächsten Morgen. Wie ein Wattebausch umhüllt unter uns dichter Nebel das Tal und das Städtchen Florac. Über uns spannt sich ein tiefblauer Himmel von Horizont zu Horizont. Mit einem sonoren Brummen zockeln Landcruiser und Tundra durch eine weitgehend verlassene, grau-braune steinige Hochebene. Feuchter Dunst liegt über der Landschaft; die baumlose, raue Ebene bietet dem Auge wenig Halt.

Folgt man dem Sträßchen, das vom Causse Méjean hinunter nach La Malène in die Gorges du Tarn führt, so wird die Fahrt mit einem Trailer im Schlepp zum Balanceakt, denn talseitig bricht der Hang nahezu senkrecht ab. Das Sträßchen ist schmal und wer in den Kehren nicht auf der Ideallinie fährt, schafft es nicht, in einem Zug herumzukommen und muss zur Strafe zurücksetzen. Dann wird's noch enger. Die Breite der Straße lässt nur wenig Spielraum, zumal Sicherungen fehlen oder allenfalls moralischer Natur sind. Doch die Natureindrücke sind gewaltig: Um uns herum bizarre Felsengebilde und eine mehrere hundert Meter tiefe Schlucht, auf deren Grund das Silberband des Tarn in der Sonne blitzt. Nicht weniger eindrucksvoll ist der Blick vom Talgrund aus; Türme und Zacken erinnern an die wildesten Regionen der Dolomiten. Erstaunlich, wie die Bäume sich mit ihren Wurzeln in den Fels verkrallt haben, und in der oft wenige Zentimeter dicken Humusschicht ihre Nahrung finden.

Harmonische Rundbögen prägen die Brücke, über die wir mit unserem Gespann La Malène erreichen. Die Gemeinde war schon immer ein Durchgangsort und liegt am Schnittpunkt der über den Causse Méjean und den Causse de Sauveterre führenden Straßen. Einst überquerten hier riesige Schafherden, die auf die Almen getrieben wurden, den Tarn. Zur Zeit der Französischen Revolution zogen Schergen mit Feuer und Schwert durch die gesamte Gegend der Tarn-Schlucht und setzten auch La Malène in Brand. Heute setzt man in dieser armen, von Landflucht betroffenen Region, auf den Tourismus. In La Malène wurde das uralte Schloss der Montesquieu inzwischen zum Hotel ausgebaut. Außerdem bietet das Gebiet, neben seiner pittoresken Schönheit, für Outdoor-Aktivitäten, im Boot, auf Schusters Rappen und auf dem Drahtesel ideale Bedingungen.

Die Suche nach einem abgeschiedenen Plätzchen zum Übernachten sparen wir uns, der Canyon lässt nur Raum für Fluss und Straße; zudem ist frei Biwakieren in Frankreich ohnehin offiziell verboten. Wir mieten uns in La Malène auf dem schön am Ufer des Tarn gelegenen Camping municipal le pradet ein. Anfang September haben sich die Touristen ausgedünnt, ein hübscher Stellplatz bietet sich als Basislager geradezu an. Die Gorges du Tarn ziehen sich auf einer Länge von ca. 35 km von dem Marktflecken Ste-Enimie bis nach Le Rozier am Ausgang der Schlucht. Das Herz des Tarn mit den grandiosesten landschaftlichen Eindrücken liegt genau in der Mitte, zwischen La Malène und Les Vignes. Am intensivsten kann man es zweifellos aus der Bootsperspektive erleben.

Anderntags sind wir früh auf den Beinen, eine Bootstour von La Malène bis zum Pas du Souci ist geplant. Nachdem Helmut den Toyota zum Ausstiegsort umgesetzt hat, schubsen wir gegen zehn die Boote ins Wasser. Gemächlich lassen wir die Boote durchs Wasser gleiten, genießen die steil aufragenden, zerklüfteten Felsenformationen, über die sich ein wolkenloser Himmel spannt. Wassertechnisch ist die heutige Tagesetappe die leichteste des mittleren Tarn, dafür landschaftlich die aufregendste. Wir sind noch nicht lange unterwegs, da erspäht Hannah einen kleinen Sandstrand und braucht unbedingt eine Pause. Knirschend schieben sich die Boote in den Uferkies vor der "Grotte de la Momie". Die überhängenden, gewaltigen Felsen sind faltig und runzelig, die Sandbank darunter gehört zu den auserlesenen Rastplätzen am Tarn und bietet den Kid's Wasser, Sand und Steine - Requisiten die oft der Schlüssel für eine gelungene Bootstour mit Kindern sind. Eine Steigerung ist nur noch möglich, wenn es Frösche, Molche und ähnliches Getier zu beobachten gibt.

Lautlos tauchen wir die Blätter der Stechpaddel neben unserem Outside ein, ziehen sie gleichmäßig dicht an der Bordwand entlang zurück und genießen Sekunden eines geräuschlosen Vorwärtsgleitens. Die Felsenge Les Détroits, die schmalste Stelle der Gorges du Tarn, wird passiert. Am Fuße lotrechter Felswände lassen wir die Eindrücke auf uns wirken. Im Sonnenlicht blinken die glatten Felsen weiß, umwuchert von der sattgrünen Ufervegetation. Dann wieder sind die Wände in herrlichen Farben gezeichnet. Lange schwärzliche Streifen lassen die Ockerfarben herausleuchten, die im Licht richtig aufzuflammen scheinen. Unterhalb der wunderschönen Felsenszenerie des Cirque des Baumes ist die Fahrt beendet; etwa 500 Meter vor dem nicht fahrbaren Felssturz Pas de Souci. Hier heißt es aufgepasst, der Ausstieg darf auf keinen Fall übersehen werden. Am besten merkt man sich bereits beim Umsetzen des Autos einen markanten Punkt der an das Ende der Tour erinnert. Durch zwei Bergstürze ist der Pas de Souci entstanden, der letzte wurde vermutlich vom Erdbeben im Jahre 580 ausgelöst. Das reißende Wasser des Tarn verschwindet unter einem Meer von riesigen Felsblöcken. Innerhalb weniger Minuten schieben sich dichte Wolkenbänke über die Schlucht, Petrus schickt die ersten Regentropfen - die Kids flüchten in den Camper. Rasch wird der Schlauchkanadier Outside handlich verpackt, im Landcruiser verstaut, die Kajaks auf dem Dach befestigt. Undurchdringliches Grau verdeckt den Himmel, es regnet die halbe Nacht. Doch am Morgen strahlt die Sonne und lässt das Stimmungsbarometer steigen.

 

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