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Die Schlucht der Nera
| Text und Fotos: | Reinhold Müller |
| Reiseziel: | Die Schlucht der Nera |
| Boote: | GRABNER Outside |
Wir sehnen die Abzweigung herbei, die uns in die Banater Berge führt. Der Gebirgsfluss Nera entspringt in den Muntii Semenic und hat sich 70 Kilometer weiter westlich, auf einer Länge von 30 Kilometern, durch den Kalkstein gefressen und eine imposante Schlucht geformt.
Die Informationen über diesen Abschnitt sind spärlich, doch im DKV Kanuführer Südosteuropa wird sie als eine der schönsten Schluchtstrecken Europas bezeichnet - also ein absoluter Geheimtipp. Im goldenen Abendlicht folgen wir dem Tal der Nera durch eine wunderschöne Mittelgebirgslandschaft. Ebenmäßige, bewaldete Hügel, saftige Wiesen und Pferdefuhrwerke, die vom Felde nach Hause ziehen. Gegen 21 Uhr erreichen wir das Dorf Sopotu Nou, den Ausgangspunkt unserer geplanten Bootstour. Den besten Standplatz haben wir rasch erkundet - eine Insel, die die Nera ganz in der Nähe des Dorfes bildet. Der seichte Flussarm ist leicht zu durchfurten und für die Fahrzeuge kein Problem.. Rasch ist Treibholz gesammelt, am Lagerfeuer lassen wir den Abend ausklingen.
Während bei wolkenlosem Himmel, anderntags um acht die Fahrzeuge zum 25 Kilometer entfernten Sasca Montana umgesetzt werden, mache ich mit Gerhard die Boote und die Ausrüstung für die Nera-Befahrung startklar. Es dauert nicht lange, bis sich einige Dorfbewohner auf der Insel einfinden und die Boote begutachten. Gerhard kramt in der Polybox nach Schokolade, ich dezimiere meinen Vorrat an Müsliriegeln bis auf das Notwendigste und verteile sie an die Dorfjugend. Man warnt uns vor unzähligen giftigen Vipern und vor dem wehrhaften und aggressiven Wolverine (Vielfraß? - lebt in Europa eigentlich nur in Skandinavien). Als gegen elf der Rest der Mannschaft noch immer nicht zurück ist, kommen uns Bedenken, ob vielleicht ein Defekt an einem der Fahrzeuge die Ursache für die Verspätung ist. Die Männer vom Dorf zerstreuen unsere Sorgen und meinen, der Weg nach Sasca Montana sei sehr schlecht und die Fahrt mit dem Auto dauert mehr als zwei Stunden - einfach. Endlich nach fünfeinhalb Stunden zockelt der Ducato in Sopotu Nou ein. Alfred wollte auf der Fahrt zurück, seinem Camper diese brutale Rüttelpiste nicht noch einmal antun, und wählte einen 120 Kilometer langen Umweg auf Asphalt.
"Der Wasserstand am Pegel von Sasca Montana zeigt 30 Zentimeter, doch die Nera müsste befahrbar sein" meint Helmut. Wenig später treiben zwei "Outside" der Spezies Schlauchkanadier und ein Kajak auf dem Fluss. Dicht bewaldete Ufer, mit weit überhängenden Bäumen, erwarten uns zu Beginn. Dazwischen, das vom letzten Unwetter lehmigbraune Wasser der Nera; dann wieder lichte Stellen. Kleine Wiesen breiten sich in dem engen Tal aus, zwei Hängebrücken überspannen das Wasser. Der Fluss zieht durch die Abgeschiedenheit im äußersten Südwesten Rumäniens, wo sich die Walachei und der Banat treffen. Keine Uferstraße die Fluchtwege offenhält, begleitet den Fluss, wer diese Strecke in Angriff genommen hat "muss durch". Schwallstrecken beschleunigen die Fahrt und nach einer dreiviertel Stunde, werden zu beiden Seiten die Hänge höher, rücken enger zusammen. Erste Felswände, die senkrecht ins Wasser fallen, begeistern uns. Dann wieder der Wechsel zu üppiger, urwaldartiger Ufervegetation. Immer wieder bildet der Fluss Kiesinseln, die die Orientierung erschweren - welcher Flussarm ist befahrbar? Wir legen eine Rast ein. Oft ist bei Niedrigwasser die befahrbare Rinne in der Nähe des Ufers, und gerade dort lauern dichtes Astwerk und umgestürzte Bäume auf die Kanuten. Nach zwei Stunden Fahrt erreichen wir im Zentrum der Schlucht einen klammartigen Abschnitt, zu beiden Seiten schierer Fels. Mir scheint, als sei in die Felsen ein Wanderpfad gemeißelt, der dann wieder abrupt endet - führt ein Klettersteig über die Felsen weiter? Ruhigere Stellen wechseln mit Schwallstrecken, das Blätterdach und das Astwerk der weit überhängenden Bäume lässt kaum Alternativen. Vor uns löst sich ein Schwall in Steine auf. Während Helmut aus dem Boot springt um treidelnd diese Stelle zu passieren, treibt Alfreds Kajak quer unter einen dicht über der Wasseroberfläche liegenden Baumstamm und kentert. Helmut steht nur wenige Meter daneben, und ehe das havarierte Boot volläuft gelingt es ihm das Kajak aufs offene Wasser zu ziehen.
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