
GRABNER LIVE
ZWEI TÜRME UND DER RAUSCH DER FARBEN.
EIN GRÖNLAND-TAGEBUCH
Von: Manfred Kronstaller
Boote: DISCOVERY 2
Dienstag: ALLES IST GANZ ANDERS
Aus dem kühlen Island und nach einem Ausflug zum Gletschervulkan Eyjafjallajökull landet unsere Fokker 50 in Narsarsuaq, Südwestgrönland. Wir sind auf jedes Wetter gefasst – und finden uns bei 17 Grad am türkisblauen Fjord wieder; wir bauen das Boot auf weichem Sand am Wasser zusammen – und lassen uns von der hereinströmenden Flut stückweise und meterweit die Bucht hinaufjagen; wir wollen das Kajak schnell beladen – und wundern uns noch Stunden später, wie das alles da reinpassen soll; wir wollen einfach lospaddeln – und brauchen etliche Ehrenrunden, bis Gleichgewicht und Steuerung halbwegs klappen…
Mittwoch: ROTBLAUGELBGRÖNLAND
Der Name Grönland war ja ein Marketingkniff Erik des Roten, der im 9. Jahrhundert seine Freunde in Island zum Umzug bewegen wollte – und doch, abgesehen von der lebensfeindlichen Eiskappe, die über 90 Prozent der riesigen Insel bedeckt, hält das Land einen wahren Rausch an Farben für uns bereit, die uns zu Wasser und zu Lande überwältigen - -
Donnerstag: DAS EXKLUSIVSTE GETRÄNK DER WELT
Das Zelt steht auf einem kraftstrahlenden Ort, zwischen zwei Felsgruppen auf einer Wiese und etwas erhöht über der Bucht. Der Bach ist ziemlich weit weg, und so haben wir ein Stück des vielleicht 15000 Jahre alten Eises aus dem Fjordwasser gefischt und auf dem Kocher geschmolzen. Um uns herum stehen unzählbar viele Kamillenstengel, deren Knospen wir am Morgen pflücken – dieser Tee wird wohl das besonderste Getränk sein, das man auf dieser Welt bekommt!
Freitag: DIE ZWEI TÜRME
Sie treffen uns unvorbereitet. Wir paddeln um die Felsnasen verschlungener Fjordarme und auf die offene See hinaus, wenden uns wieder dem Festland zu, und da stehen sie. Noch in der Ferne, aber riesig, die Spitze des einen ist vom Seenebel verhüllt. Mit offenen Mündern und gegen Strömung und Wellen paddeln wir auf sie zu und können es nicht glauben… Da stehen zwei Eistürme, einander zugewandt, schlank, vollkommen symmetrisch und jeder über dreißig Meter hoch. In der Abendsonne dampft der eine sichtbar feine Nebelschwaden in die Luft - - was für ein Bild. Scheinbar unangreifbar, herrschaftlich, erhaben. Dies ist einer der Das-wird-man-nie-mehr-vergessen-Augenblicke, die Zeit und Raum, Verstand und Logik ausschalten – und alles wird Erleben.
(Epilog zu den Türmen: Eine Woche später werden wir mit dem Helikopter genau hier vorbeifliegen, und der eine Turm wird verschwunden sein, der andere „nur“ ein großer Eisblock ohne Spitze…)
Samstag: UNFASSBARE WEITE, UNENDLICHE RUHE
Schon der Morgen hat uns mit ein paar Regentropfen auf dem ansonsten komplett ruhigen Wasser fast in Trance geraten lassen. Bereits trocken schleppen wir die Red Pearl (diesen Namen haben wir unserer Kajaklady inzwischen gegeben) nach einigen Stunden zur Mittagspause über eine Landbrücke mit verfallener ootsschleppe. Der Nachmittag bringt uns auf die offene See zwischen zwei Landzungen, wir sind etwas nervös deswegen – und statt eines Kampfes mit Wind und Wellen steht schon wieder die Zeit still. Die völlig glatte Meeresoberfläche wird in unabschätzbar weiter Ferne von Inseln und dem Festland eingerahmt, kein Lüftchen regt sich, die Stille ist absolut, wir schwimmen in der Mitte eines riesigen Spiegels. Die Sonne und ein bisschen weit entfernter Nebel machen den Himmel weit, und zahllose rote, orangene, blaue und durchsichtige Quallen machen die eerestiefe für die Augen erfassbar. Diese Stille und Weite dringt stärker und widerstandsloser nach innen als jede Erfahrung von Geräusch oder Geschwindigkeit - - - -
Sonntag: WER BIN ICH? AKARO AUS DEM VOLK DER SEEHUNDJÄGER IM JAHR 2011
Akaro hat uns am gestrigen Abend etwas apathisch und doch neugierig beim Anlanden im kleinen versifften Hafen der Siedlung Alluitsup Paa zugesehen und aus dem Fenster heraus gefragt, ob wir denn ein Zimmer brauchen, gegen ein paar Kronen. Wir schlafen in einer recht trostlosen, aber bullenwarmen kleinen Wohnung, die allein ein paar Möbelstücke und ein paar Feuerwehr-Urkunden an den Wänden zieren. Ein Freund Akaro’s zupft auf seiner Gitarre. Nur zwei Teelichter machen etwas Licht, die Stromrechnung ist lange nicht bezahlt worden, hat er uns erklärt. Wir stehen morgens auf, und Akaro liegt sturzbesoffen im Bett, er hat von seinem Carlsberg und unserem Whisky nicht genug haben können… Sein kranker kleiner Sohn ist außer Haus bei seiner Mutter, die eigentlich nur zu Besuch ist; sie arbeitet in der nächsten Stadt und hat dort längst einen neuen Partner. So hat Akaro drei Beschäftigungen: Rauchen, trinken, und hoffen, dass von irgendwo irgendwann eine neue Frau für ihn auftaucht. Unsere Fürsorge rührt ihn, wir haben ihm Medizin dagelassen, Essen gekocht, abgewaschen, ein bisschen sauber gemacht – und so nimmt er am Ende ein Foto eines Fanschals der örtlichen Fußballmannschaft von der Wand – für den Schal selbst hat das Geld nicht gereicht – und schenkt es uns…
Montag: DIE LABRADORSEE
Durch einen endlos langen, natürlichen Kanal mit unfassbar schönen Spiegelungen hat uns die Red Pearl getragen, dann geht es um eine Landnase auf offener See weiter. Und jetzt zeigt uns die See, woher ein altes grönlandisches Sprichwort kommt: Wer die See nicht fürchtet, wird kein Jahr überleben in Grönland. Es ist schon spät, Wind und Strömung bremsen uns in voller Paddelarbeit fast zum Stillstand, und wir müssen uns auf die Wellen konzentrieren: Von der See, rechts, vom Felsen zurückgeworfen, links, vom Wind, vorne. Es wird bald dunkel, von einem Anlandepunkt weit und breit nichts zu sehen, und bald werden die steilen Granitwände links von uns in rasendem Wechsel zweieinhalb Meter höher und tiefer… bloß nicht auf einen Stein unter Wasser aufsitzen und kentern, bloß nicht abtreiben lassen aufs offene Wasser, und wo ist eigentlich diese verdammte nächste Bucht von der Karte? Wir arbeiten verbissen, schweigend, und sind uns später einig, dass diese Fahrt im Nachhinein eine tolle Erfahrung war, die wir trotzdem nicht unbedingt nochmal erleben wollen - -
Dienstag: WELTABGESCHIEDEN
Wir sind angekommen. In diese Fjorde wollten wir, in die vielleicht schönsten der Welt, vorbei an fast anderthalb Kilometer hohen senkrechten Klippen, fast ganz unberührt von Touristen, schroff, unzugänglich, mit wenigen, weit voneinander entfernten Dörfchen, in denen seit Jahrhunderten ausschließlich Inuit leben, Jäger und Fischer allesamt. Wir haben keine 70-Kilometer-Etappen mehr, landen in der Spätnachmittagssonne in einer kleinen flachen Bucht, eingerahmt von skurril spitzen Berggipfeln und gegenüber eines kleinen, vom Hauptfjord nicht einsehbaren Gletschers, unser „Privatgletscher“, in dessen, nennen wir es „erfrischendem“, Schmelzwasser ich am nächsten Morgen ein kurzes Bad nehmen werde und den ganzen Tag frisch und warm sein…
Mittwoch: TREIBEIS
Man hat uns bereits gewarnt, dass der Prins-Christian-Sund von Eis blockiert sei, diese erste südlich des Festlandeises von der Ost- zur Westküste Grönlands durchgehende Wasserstraße, hundert Kilometer lang. Wir wollen einfach sehen, wie weit wir kommen, unterwegs einen Landeplatz aussuchen, zurückkehren. Wir kommen nicht mal in den Sund: Zwei Biegungen davor strömt das Eis zwischen den Felsen hervor. Das Wort „majestätisch“ ist so abgegriffen, aber wo wenn nicht hier kann man es so fühlen? Die Schollen bewegen sich scheinbar unbeirrbar durchs Wasser, vorbei an uns, die vollkommene Stille wird nur durchbrochen, oder nennen wir es: hörbar gemacht, wenn zwei Schollen aneinander knirschen. Eine halbe Ewigkeit sitzen wir im Kajak davor, geschützt von einem Granitblock, und lassen dieses Schauspiel tief in die Seele dringen…
Donnerstag: DIE KINDER VON AAPPILATTOQ
Nebel und Wind haben auch den nächsten Versuch vereitelt, die spektakuläre Fjordwelt weiter zu erkunden, und wir sind erneut nach Aappilattoq zurückgekehrt. Die Kinder des Ortes sind sofort wieder zur Stelle, sie haben sofort wieder alle Paddel und Bootsutensilien zwischen den Fingern, andere schleppen ebenso sofort unsere Sachen zu der Stelle, wo wir gezeltet haben, und bauen fast allein unser Haus auf. Einen ganzen Nachmittag und bis weit in den Abend hinein tollen wir herum, die Mädels suchen meinen verlorengegangenen Ohrring und klettern wie die Jungs auf das steile Hausdach gegenüber, um da oben halsbrecherisch Ball zu spielen. In diesem Dorf wird nicht gezetert, geschrien und gestritten, dafür aber gesaust, geklettert und gekabbelt. Wie das geht, in so einem kleinen, abgeschiedenen Ort? Wir fragen uns nicht und freuen uns einfach an der Bande, bevor wir uns irgendwann ins Zelt verabschieden, denn sonst werden wir die Bagage niemals los!
Freitag: DER TAG MIT DEN FISCHERN
Mitten während des späten Frühstücks auf dem Schwimmkai des Ortes fragen wir einen Fischer, der sich auf seinem Kahn zu schaffen macht, gestenreich, ob wir vielleicht mitkommen können, wenn er ausfährt. Er nickt, wir ziehen uns warm an und haben keine Ahnung, was uns erwartet. Seeundjagd mit einer Gewehr-Ruine? Hochseefischen in dieser alten Möhre von einem Kahn? Schon nach gut einer Stunde Fahrt landen wir an, laufen zu einem wunderbaren See mit Bachauslauf und – sind beim Forellenfischen! Uuka, Eningua und Jacob ziehen einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser, wir dürfen auch unser Glück versuchen mit altem Ersatzhaken und Nylonrolle und sind nicht ganz so erfolgreich. Und die Männer? Freuen sich über jeden Fang auch der anderen, jede Forelle wird lauthals bejohlt – und das, nachdem die Männer seit Jahrzehnten zusammen zum Fischen gehen! What a wonderful world.
Samstag: BRISE UND SEENEBELZAUBER
Das Fjordsystem ist tückisch, da haben uns Alain und Natalie, zwei Langzeitpaddler aus Monte-Carlo mit Profi-Equipment und jahrzehntelanger Erfahrung (und unsere einzigen Paddlerkollegen auf dieser ganzen Reise) bereits gewarnt. Der letzte richtige Reise-Etappe hält alles für uns parat: Fiese Strömungen besonders an den Mündungen in andere Fjorde, steife Winde, die mitten von der nahen Granitwand zu fallen scheinen, kalte Arme und Beine, und jede Menge Salzspritzwasser im Gesicht. Wir kämpfen uns durch, wollen sehen, wie weit wir kommen und werden abends mit einer Traumstimmung belohnt: Der Seenebel zieht in den Fjord hinein, taucht Sonne, Eisberge, Wellen und Land in unwirkliche Ferne und läßt uns zeitweise vergessen, dass wir auch einen Platz brauchen werden, um die Nacht zu verbringen…
Sonntag: DER EBBESEE
Im Nebel sind wir in eine seichte Bucht geraten, die offenbar nur bei Flut befahrbar ist – und an diesem Morgen ist Ebbe. Über einen halben Meter liegt der See nun höher, es steht eine Wanderung an und wir haben Glück, dass der Bach, der über Nacht zwischen dem See und der See entstanden ist, von einer Menge weichen Tangs bewachsen ist. So lernt die Red Pearl zum Ende ihrer grandios gemeisterten Fahrt noch eine glitschige Rutsche kennen. Eine letzte Fahrt vorbei an wiederum atemberaubend schönen Bergen und ein letztes Mal auf die offene See, ein letzter Wind-und-Wellen-Trip nach Nasermijit, und wir gehen nach über 400 Kilometern auf dem Wasser, geschätzt einer Viertelmillion Paddelschlägen und zwei unfassbaren Wochen ein letztes Mal an Land - - - - -
Montag: REISEN IN GRÖNLAND
Kristian ist ein verschmitzter alter Seemann, der uns die 45 Kilometer bis nach Nanortalik zum Helikopter bringen wird. Wie lange die kalte Fahrt dauern würde, verrät er uns nicht, und auf der Fahrt merken wir, wieso: In einem schnellen Boot wäre die Strecke in einer Stunde zu schaffen, wir brauchen drei, weil wir laut GPS eben nicht mehr als 9,2 Knoten schaffen. Der Sikorski läßt uns mit offenem Mund an der Scheibe kleben, in drei Etappen und über Berge, türkise Fjorde mit unglaublich klarem Wasser und Unmengen von Eis fliegen wir zurück nach Narsarsuaq.
Dienstag: DAS FESTLANDEIS
Über die blaurotgrüngelben Wiesen wandern wir ein letztes Mal zum Festlandeis und laufen am Rande der größten Eisfläche der Welt, die sich wie ein uraltes Reptil Richtung Meer schiebt, und nehmen Abschied. Wir staunen über unser nglaubliches Glück nicht nur mit der Sonne, genießen den letzten Tag und ich freue mich wieder riesig auf Musik, Theater, Seminare, Projekte – und darauf, viele von Euch und Ihnen bald wieder zu sehen!
















