
GRABNER LIVE
Tschechien - Auf der Moldau - Natur und Kultur in Südböhmen.
Text / Fotos: Reinhold Müller
Boote: GRABNER OUTSIDE
Wer Moldau hört, denkt meist an Prag. Uns reizte mehr noch der Ursprung der Moldau in den Hochmooren zwischen Bayerischem Wald und Böhmerwald.
In Soumarský Most setzen wir die Boote ein und folgen ihrem Lauf über das mittelalterliche Städtchen Ceský Krumlov bis nach Ceské Budejovice.
Am späten Nachmittag passieren wir den Grenzübergang Philippsreuth. Obwohl der Bayerische Wald und der Böhmerwald geografisch eine Einheit bilden, trennt die Grenze nicht nur zwei Staaten, er teilt unübersehbar auch die Landschaft in ganz unterschiedliche Naturräume. Breiten sich auf der deutschen Seite sattgrüne Wiesen und feuchtbraunes Ackerland geometrisch aus, so präsentiert sich der Böhmerwald urwüchsig, ja urwaldhaft. Mehr als vierzig Jahre, bis 1989, war der größte Teil des heutigen Sumava-Nationalparks wegen seiner Grenznähe abgeschirmtes Sperrgebiet.
Ihren Ursprung nimmt die Moldau auf nahezu 1200 m, auf der Wasserscheide zwischen dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald, in dunklen, mit Kiefern bewachsenen, unzugänglichen Sumpfgebieten. Bis zum Zusammenfluss mit dem zweiten großen Quellfluss Studená Vltava (Kalte Moldau) wird sie auf einer Länge von 44 Kilometern Teplá Vltava (Warme Moldau) genannt.
Auf schmaler Straße erreichen wir nach zehn Kilometern Lenora (Elenorenhain). Die Gemeinde ging aus einer Glashütte hervor, die im 19. Jahrhundert zu den besten in Mitteleuropa gehörte.
Skeptisch schauen wir zum Fluss. Ende September ist die Moldau flachgründig, zu seicht für unsere Boote. Doch wenige Kilometer flussabwärts, beim Zeltplatz Soumarský Most, empfiehlt sich ideales Paddelwasser. Ab hier ist die Moldau mit Kanu und Kajak ganzjährig befahrbar.
Soumarský Most liegt am Goldenen Steig, einem uralten Handelsweg. Auf ihm wurde auf Saumtieren schon vor 700 Jahren Salz aus den österreichischen Orten Hallein und Schellenberg über den Böhmerwald bis nach Prachatice transportiert. Es entwickelte sich ein reger Handel, auch Seide, Wein, Gewürze, Meeresfische und Waffen wurden eingeführt. Auf dem Rückweg schleppten die Tragtiere Getreide, Malz, Hopfen, Bier und handwerkliche Erzeugnisse. Unweit der Brücke führte einst eine Furt durch den Fluss, wo die Karawanen den Fluss durchschritten.
Unterhalb des Staudammes, bei der Gemeinde Lipno, strömt das Wasser der Moldau durch einen 3,5 km langen unterirdischen Tunnel unter dem Berg Luc in ein Ausgleichsbecken bei Vyssí Brod. In zwei Kraftwerken wird die Wasserwucht zur Stromgewinnung genutzt. Ein steiler Wanderpfad führt zwischen Louvovice und Vyssí Brod hinunter zum Fluss und eröffnet einen grandiosen Blick auf die Certova Stena (Teufelswand), ein geologisches Gebilde im Landschaftsrelief von Felsen und verkrüppelten Kiefern, hoch über der Moldau. Mächtige Granitfelsen sind in Quader geborsten. In das Flussbett gestürzte glattgeschliffene Felsen haben die Form von Riesentöpfen mit Walzen und kegelförmigen Vertiefungen.
Wir wollen Fahrspaß!
Vyssí Brod (Hohenfurt) ist ein malerisches Städtchen im Vorland des Böhmerwaldes. Bereits im 13. Jahrhundert wurde hier ein Zisterzienser Kloster gegründet, das im Laufe der Jahrhunderte weiter ausgebaut wurde. In der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt befindet sich die Gruft der Familie Rosenberg. Die Klosterbibliothek aus dem Jahre 1757 beinhaltet an die 70.000 Bände und ist die drittgrößte in Tschechien. Seit jeher führte hier ein Handelsweg von Österreich nach Südböhmen.
Von Vyssí Brod fließt die Moldau ruhig wie zu den Zeiten der Floßfahrten. Aber der alte Flößerruhm ist längst vorüber und auch die Flößerkneipen gibt es nicht mehr. Beim Zeltplatz, unweit der Moldaubrücke setzen wir die Boote ein.
Hinter dem Städtchen wird das Tal enger. Gerade habe ich mich warmgepaddelt, lässt lautes Rauschen auf ein Wehr schließen. Als wir die breite Floßgasse mit einer flotten Strömung und am Ende hohes Weißwasser - halb Welle, halb Walze - erblicken, ist der linksseitige Pfad zum Umtragen, keine Alternative mehr. Wir wollen Fahrspaß. Im Outside folgt ein heißer Wellenritt, Brecher schlagen ins Boot, die abschließende Walze lässt den Schlauchkanadier steil aus dem Wasser steigen. Nun geht es flott voran.
Das Wehr Horni Mlýn in Herbertov schauen wir uns genauer an. Das Wasser fällt mehr als zwei Höhenmeter über die Schräge. In Folge wird der Flusslauf durch eine Betonmauer von der unterhalb der Staustufe beginnenden Wildwasserübungsstrecke geteilt. Wir schlagen den direkten Weg über die Stauanlage ein. Den Beton überzieht eine grünlich schimmernde und glatte Algenschicht. Wir stellen das Outside rechtwinklig zum Wehr, zwei, drei kräftige Paddelschläge und schon rutscht das Boot über das Hindernis. Auf der Übungsstrecke sind stetig kontrollierte Lenkmanöver gefordert. Über Wellen und um aufragende Felsen gelangen wir nach einigen hundert Metern wieder in ruhigeres Wasser.
Windungsreich schlängelt sich nun die Moldau durch das Tal. Die Wälder ziehen sich bis an das Ufer. Überhängende Äste strecken unter und über Wasser tausendfach ihre Fangarme nach uns aus. Bleiche Sonne taucht die Landschaft in unwirkliche Pastellfarben, das Grün der bereits von Herbst gezeichneten Wälder, das Blau der fernen Hügel und der Azurhimmel leuchten mit dem Grünblau des Flusses um die Wette.
Nach einer Stunde drängt sich eine Burg ins Bild, Rozmberk (Rosenberg). Schon der Name der Burg sagt, welcher berühmten Dynastie sie gehörte. Man kann sagen, dass die Familie Rosenberg auf dieser Burg ihren Anfang nahm, denn der wichtigste Zweig dieses Herrschergeschlechtes nannte sich nach diesem Ort. Über einem tiefen Tal der Moldau wurde sie im 13. Jahrhundert erbaut. Das Dorf unter der Burg wurde 1262 gegründet, hier stehen viele gut erhaltene und historisch wertvolle Bauten.
Das uralte Moldauwehr in Rozmberk, mit seiner einst spritzigen Floßgasse, wurde mittlerweile "entschärft", gemächlich rutschen seitdem die Boote über Stufen in ruhigeres Wasser. Kurze Zeit führt der Flusslauf durch offenes Gelände und taucht dann endgültig in ein tief eingeschnittenes Waldtal. Ruhig fließt das Wasser der Moldau, eingebettet zwischen bewaldeten Steilhänge. Kaum ein Fahrzeug auf der nahen Straße stört diese Abgeschiedenheit.
Der Abend naht bereits, als sich rechter Hand ein idyllisches Plätzchen zum Übernachten anbietet.
Anlanden verboten!
Unser Standplatz zwischen den Kiefern am Ufer der Moldau ist grandios. Bald steigt von den umliegenden Sumpfgebieten der Nebel auf.
Tags darauf, als wir gegen neun die Boote ins nasse Element schubsen, hat der Nebel die Tallagen noch fest im Griff, einsetzender Regen lässt uns das Schlimmste befürchten. Doch Petrus hat ein Einsehen und schiebt das Wolkengebirge einfach hinweg. Erste Sonnenstrahlen dringen durch die Wolkendecke, tauchen den Fluss und die malerische Sumpflandschaft in weiches Licht. Gemächlich windet sich die Teplá Vltava durch ein Hochtal. Nach eineinhalb Stunden Paddeln kreuzt den Fluss die Brücke für den Schienenbus, der von Volary (Wallern) zum grenznahen Ort Stozec (Tussent) führt. Entlang des Mrtvy Juh, eines Hochmoors, mäandert nun die Moldau. Betreten, ja sogar das Anlegen der Boote ist verboten, das Mrtvy Juh ist Totalreservat.
Hochmoore liegen im Gegensatz zum Flachmoor deutlich über dem Grundwasserspiegel und wölben sich zur Mitte hin empor. Für die meisten Pflanzen ist das ungünstig. Oft besteht keine Verbindung mehr zum Grundwasser, und die Pflanzen sind von Tau, Regen und Schnee abhängig. Die Vegetation besteht überwiegend aus Torfmoosen. An den trockenen Stellen wachsen Seggen, Binsen und Wollgräser. Doch auch Zwergsträucher, wie Heidekraut, Moosbeere und Preiselbeere, und fleischfressende Pflanzen, wie der Sonnentau haben sich an die Nährstoffarmut der Hochmoore angepasst. Die Moorbirke steht im Mrtvy Juh ebenso, wie die Sumpfkiefer mit ihren unterschiedlichen Entwicklungsformen; von der Latschenkiefer bis hin zur Baumform. Auf 300 Jahre wird das Alter der Bäume geschätzt.
Wir genießen unseren ersten Tag auf der Moldau. Lautlos tauchen wir die Stechpaddel ein und ziehen sie gleichmäßig entlang der Bordwand zurück. Träge fließt der Fluss, zu beiden Seiten Moor und Sumpf, Seggen wölben sich bis ins Wasser. Das Gefühl der Abgeschiedenheit wird durch das hohe Ufer noch verstärkt. Hin und wieder ragen die Skelette ertrunkener Bäume aus der Wasseroberfläche. Gespenstisch, der Kontrast von bleichem Geäst und dem klarbraunen Wasser.
Die Mündung der Studená Vltava (Kalte Moldau) wird am Südrand des Mrtvý Juh erreicht. Erst ab hier heißt der Fluss Moldau. Mit vielen Biegungen und Schleifen führt nun der Wasserweg durch Fichtenwälder, verläuft dann wenige hundert Meter entlang der für den öffentlichen Verkehr gesperrten Straße zwischen Nova Pec und Stozec. Bei Kilometer 18 überspannt eine Brücke die Moldau, eine Stichstraße führt nach Osten, zum Dorf Pekná.
Allmählich macht sich der Rückstau des Lipno-Stausees bemerkbar, wir verstärken den Druck auf die Blätter der Stechpaddel. Die Sonnenstrahlen tasten sich durchs klare Wasser bis auf den Sandboden ehe der Fluss durch schattiges Waldgebiet zieht. Hin und wieder liegt eine Baumleiche, vom Sturm gefällt, mit gespreizten, fantastisch verschlungenen Wurzeln am Ufer. Abrupt treten die Bäume zurück und geben den Weg frei in das weite Tal.
Nova Pec liegt am Nordrand des Lipno-Stausees. Früher war das Holzfällerdorf Nova Pec eines der Untertanendörfer von Krumau. Das Holz wurde auf einer Wasserrutsche vom nahen Schwarzenberger Schwemmkanal bis zum Bahnhof transportiert. Die Entwicklung des Dorfes war mit dem Holzflößen auf dem Schwarzenberger Kanal verbunden. Heute bietet sich der Ort aufgrund seiner begünstigten Lage am Seeufer und in unmittelbarer Nähe des höchsten Berges im Böhmerwald für Aktiv-Urlauber geradezu an. Nova Pec - das sind viele verstreute Einzelhöfe unterhalb des Plöckenstein (1378 m). Auf dem einfachen Zeltplatz können die Paddler Kräfte sammeln für die Durchquerung des Stausees.
Raus aus dem Boot!
Unsere Weiterfahrt setzen wir auf vier Rädern fort.
1959 wurde ein Abschnitt der oberen Moldau zur Energiegewinnung aufgestaut. Im See verschwanden Dörfer, einzelne Gehöfte - und das "Herz der Moldau", eine herzförmige Mäanderschleife des Flusses nahe von Pihlov (Pichlern). Mehr als 40 Kilometer zieht sich der Stausee durch den Süden des Böhmerwaldes (Sumava). Wir nähern uns Horni Planá (Oberplan), dem Geburtsort von Adalbert Stifter. Sein Geburtshaus liegt direkt an der Hauptstraße und ist ein vielbesuchtes Museum. Auf einer Hinweistafel sind die historischen Wege des "Böhmerwald Dichters" beschrieben. Vom Museum führt der Stifterweg durch den Ort zu einem Denkmal, ganz in der Nähe der Gutwasserkapelle. Von der Stifterfichte am östlichen Ortsrand ist nur ein Stammrest geblieben. Ein Seitenarm des Sees zieht fjordartig ins Land, über einen Damm erreichen wir Cerná vv Posumaví (Schwarzbach). Einst wurde hier Graphit von einer hervorragenden Qualität abgebaut. Doch die Zeit der Fördertürme und der schwarzen Halden gehört der Vergangenheit an.
Während das Nordufer durch Campingplätze, Restaurants und eine Vielzahl von Booteinsetzstellen weitgehend touristisch erschlossen ist, visieren wir die Südseite des Lipnostausees an, die noch weitgehend von ursprünglicher Natur geprägt wird. Nur wenige kleine und kleinste Ortschaften liegen zwischen dichten Nadelwäldern und Weiden im Grenzgebiet zu Österreich. Dem 275 m langen Staudamm vorgelagert, wird mittlerweile das am Seeufer gelegene, einst unscheinbaren Dorf Lipno nad Vltavou, zu einem feudalen Touristenort mit Jachthafen, Hotelanlagen und Einrichtungen für Outdooraktivitäten ausgebaut. 50 Quadratkilometer Wasserfläche bedecken das einstige Moldautal. Nahe dem Staudamm finden wir am Südufer eine Parkmöglichkeit für die Fahrzeuge. Auf den Drahteseln erreichen wir, auf nahezu ebenem Sträßchen, nach einigen Kilometern die Ortschaft Prední Výton. Inzwischen wurde auch diese Gemeinde touristisch erschlossen, mit Sportanlagen und Restaurants. Dennoch, Blickfang ist die ockerfarben getünchte Kirche. Über dem Portal die fünfblättrige Rose, das Symbol der Rosenberger. Am See entlang verläuft der Weg nach Norden, nach Frydava. Von hier kann man via Fähre nach Frymburg übersetzen.
Etwa 70 - 80% des Sumava-Nationalparks waren bis 1989 abgeschirmtes Sperr- und Militärübungsgebiet. Ein Spinnennetz von geteerten Militärstraßen sorgte für die Zerstörung natürlich gewachsener Biotope. Dennoch konnten sich in rund vierzig Jahren der ideologischen Eiszeit in Europa einzigartige Naturreservate entwickeln, wie sie bei uns leider nur noch selten anzutreffen sind. Zur Zeit des "Eisernen Vorhangs" durfte kein Unbefugter seinen Fuß auf diese Wege, zwischen dem Lipno-Stausee und der Grenze zu Österreich setzen, nur Kübelwagen der tschechischen Grenztruppen dröhnten durch die Wälder. Heute finden Naturfreunde in herrlicher Landschaft auf Schusters Rappen, oder auf dem Drahtesel so manches malerische Fleckchen.
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